"Wir alle haben eine Geschichte zu erzählen"

Putzfrau oder Putz-Frau? Was die Reinigungsfachkraft mit Seidenbändern und Fächern zu tun hat.

Kurioses aus dem Frauenzimmer-Lexicon von 1715

Putzfrau oder Putz-Frau?Frauenthemen sind nicht nur allgemein gerade sehr aktuell, auch in meiner Arbeit für ein Buch und eine Ausstellung befasse ich mich mit ihnen.
Die Recherchen führten mich zufällig zum Digitalisat des "Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-Lexicon" von 1715. Neugierig machte mich der Eintrag zur "Putz-Frau".

Gab es die damals schon? Hiess diese Saubermach-Position nicht "Zimmermädchen"? Beide Bezeichnungen sind aus heutiger Sicht wohl nicht optimal politisch korrekt. Aber ich lag sowieso falsch, was die Tätigkeit der Putz-Frau anbelangt! Das Lexicon klärt auf:

"Putz-Frau" ist ein geschicktes Weibes-Bild, wo nicht nur allerhand Putz und Galanterien zu verfertigen, sondern auch das zur Kind-Tauff oder Hochzeit-gehende Frauenzimmer selbsten mit anzuziehen und auszuzieren pfleget.

Putz ist ein altes Wort für Schmuck, wobei der Begriff viel weiter gefasst war als heute und verschiedenste Dinge umfasste, die der Schönheit zudienten: Hüte und Hauben, Bänder, Haarspangen, Fächer, Spitzen u.v.m. Noch heute findet sich der "Putz" in der Berufsbezeichnung "Putzmacherin", besser bekannt als Modistin oder Hutmacherin, wenn auch diese selten geworden ist. Im 18. Jahrhundert waren die Herren übrigens nicht minder herausgeputzt wie die Frauen. Man denke nur an die Dandys. Ob es für sie auch Putz-Männer gab? Ja, die gab es, sie waren aber eine Minderheit.
Frauenzimmer-Lexicon 1715Wie sich die Mode geändert hat über die Zeit, so haben sich auch Berufsbezeichnungen und die Gesellschaft selbst gewandelt. Im Putzinstitut arbeiten heute nur noch Reinigungsfachkräfte. Dass diese noch immer grösstenteils weiblich und meist mies bezahlt sind, ist eine andere Geschichte.
Dem Putz als Zierwerk und Handwerkskunst darf man trotzdem eingedenk bleiben. Seine Herstellung genoss in der Schweiz eine lange Tradition, die verschiedenste Museen und Gedächtnis-Institutionen zu würdigen wissen.

 

Weitere spannende Infos zur Textilgeschichte auf constoria:

Beitrag im Buch "Soie Pirate" von Tanya Karrer: Scapbooks - eine unerschöpfliche Quelle
Oral History Interviews mit ehemaligen Mitarbeitenden der Zürcher Seidenfirma Abraham
Zur Inventarisierung des Abraham-Archivs im Schweizerischen Nationalmuseum

 

Die Autorin
Tanya Karrer – Expertin für Jubiläen, Geschichte und Geschichten. Inhaberin und Geschäftsführerin von constoria.ch