Geschichte der Intensivmedizin und der Beatmungsmaschinen

Geschichte Intensivmedizin Beatmung Eiserne Lunge

Die Geschichte der Intensivmedizin und der maschinellen Beatmung ist noch jung. Ihre Errungenschaften zu Zeiten des Coronavirus sind umso wertvoller, denn auf den Intensivstationen, den Beatmungsgeräten und vor allem dem geschulten Personal liegen gerade viele Hoffnungen.
Die Story teilen auf: 

Geschichte der Intensivmedizin und der maschinellen Beatmung

Von Tanya Karrer

"Ist das wertvoll oder kann das weg?", fragte ich mich einst als Leiterin der Medizinsammlung in Bern bei einem kuriosen, staubsaugerähnlichen Objekt. "Das ist ein Beatmungsgerät", warnte mich ein altgedienter Medizintechniker, "das muss hierbleiben, Fritz Roth hat es gebaut!" Dr. med. Friedrich Roth (1931-2018) wurde folglich in die Sammlung eingeladen, um seine Geschichte und diejenige des Beatmungsgeräts zu erzählen. Seine Geschichte war aber nicht nur irgendeine Geschichte, sondern der Ursprung der Geschichte der Schweizer Intensivmedizin.

 

Pressluftlieferant aus einem Staubsauger Respirator
Pressluftlieferant für künstliche Beatmung aus einem Staubsauger. Foto: zvg.

Die Polio-Epidemie der 1950er Jahre

Ihren Anfang nahm sie 1952, als in Dänemark die Kinderlähmung wütete. 1953 schwappte die Poliomyelitis, so ihr medizinischer Begriff, nach Schweden über. 80% der schlimmen Fälle starben, meist durch Atemlähmung, aber das war damals noch nicht bekannt. Vielmehr wurde das Virus selbst als Todesursache vermutet. Seit den 1920er Jahre kannte man die sogenannten Eisernen Lungen, mit denen Patienten mittels Unterdruck beatmet werden konnten. Eiserne Lungen sind monströse Gerätschaften, platzintensiv, laut und nur stationär zu gebrauchen. Innerhalb des Tanks wird mit einem hydraulischen Blasebalg Unterdruck hergestellt, dadurch weitet sich die Lunge des Patienten aus, er atmet ein. Rhythmisch wechseln sich Unterdruck und normaler Druck ab, es entsteht eine künstliche Atmung bzw. Beatmung. Für Patienten, die tagelang regungslos im Container liegen mussten, ein Graus.

Eiserne Lungen sind monströse Gerätschaften, platzintensiv, laut und nur stationär zu gebrauchen.

Als Geburtsstunde der Intensivmedizin gilt jedoch der Moment, als Björn Ibsen (1915-2007), ein dänischer Anästhesist, bei einem an Atemlähmung leidenden Mädchen in der letzten Not einen Luftröhrenschnitt wagte, um es anschliessend von Hand mittels eines Blasebalgs zu beatmen. Erst kurz zuvor hatte er von Versuchen mit sogenannter Überdruckbeatmung gelesen, also dass direkt Luft in die Lungen gepresst wird. Die Beatmung funktionierte und wurde sofort auch für andere Poliomyelitis-Patienten angeordnet. 1500 Ärzte, dazu Krankenschwestern und Medizinstudierende, beatmeten fortan die Polio-Patienten, nicht selten mit jeder Hand einen.

1500 Ärzte, dazu Krankenschwestern und Medizinstudierende, beatmeten fortan die Polio-Patienten, nicht selten mit jeder Hand einen.

Polioepidemie in Daenemark 1952
Folien von Vorträgen von Dr. Roth zur Polio-Epidemie in Dänemark. Foto: zvg.

Von manueller zu maschineller Beatmung

Die manuelle Beatmung absorbierte wertvolle Ressourcen. Findige Ingenieure tüftelten folglich schon bald an Maschinen herum, die diese Form der Überdruckbeatmung übernehmen konnten. Der schwedische Anästhesist Olof P. Norlander entwickelte zusammen mit dem Ingenieur Carl Gunnar Engström den sogenannten Engström-Respirator, der schon den Markt beherrschen sollte. Die Mediziner des Berner Inselspitals bevorzugten den Lundia-Respirator, der von einer Landmaschinenfabrik in Lund, Schweden, behelfsmässig konstruiert wurde, um der Epidemie beizukommen. Er war leise und konnte bei einem – gar nicht so seltenen Stromausfall – von Hand bedient werden.

Findige Ingenieure tüftelten folglich schon bald an Maschinen herum, die diese Form der Überdruckbeatmung übernehmen konnten.

Lundia Respirator Beatmungsgeraet 1953
Beatmungsgerät Lundia-Respirator. Foto: zvg.

Intensivbehandlung und künstliche Beatmung in Bern

1954 und 1955 erreichte die Polio-Epidemie auch Bern. Die Patienten wurden zuerst im Tiefenauspital behandelt, ab 1955 gab es in der medizinischen Klinik des Inselspitals eine Polio-Station, ab 1957 gar eine Poliozentrale. Doch nicht nur Kinderlähmungs-Patienten bedurften einer Intensivbehandlung, sondern zum Beispiel auch solche mit Wundstarrkrampf (Tetanus), mit Schädelhirnverletzungen, Vergiftungen, nach grossen Operationen oder nach Reanimationen. 1957 wurde im Inselspital Bern die erste interdisziplinäre und permanente Intensivstation eingerichtet. Ein Jahr später kümmerte sich eine eigens ausgebildete Schwestern-Equipe um die Intensivpflege-Patienten. Eine neue, zentrale Sauerstoffversorgung versah jedes Bett mit einer eigenen Sauerstoffzufuhr. Da die zentrale Pressluft-Versorgung jedoch hin und wieder ausfiel, entwickelte der technisch talentierte Berner Anästhesist Fritz Roth kurzerhand selbst einen Pressluft-Lieferanten aus eben jenem eingangs erwähnten, ausgedienten Staubsauger. Dieser zog die Umgebungsluft an, sie wurde gefiltert und dann in ein Handbeatmungsgerät umgeleitet. Der findige Fritz Roth wurde folglich mit dem Ausbau der Intensivstation betraut. 1967 wurde sie zur Abteilung für Reanimation und Intensivbehandlung.

1957 wurde im Inselspital Bern die erste interdisziplinäre und permanente Intensivstation eingerichtet.

Intensivbehandlung um 1960
Blick in eine Intensivstation mit Lundia-Respirator, um 1960. Foto: zvg.

Hätte ihm sein Vater zu Kriegszeiten nicht davon abgeraten, wäre Roth gerne Mechaniker geworden. Als Mediziner nutzte er sein technisches Verständnis für die Entwicklung und Weiterentwicklung verschiedenster Geräte, allen voran der Beatmungsgeräte und der Überwachung ihrer korrekten Funktionsweise. Einige Patientenleben konnten dank seiner Erfindungen gerettet werden. Noch heute bilden seine Neuerungen die Basis für eine funktionierende Intensivbehandlung.

Medizinhistorische Quellen von besonderem Interesse

Die Intensivpflege im Hightech-Umfeld stellt extrem hohe Anforderungen an das Personal. Schon vor einem halben Jahrhundert machte sich Dr. Roth stark für eine schweizweit anerkannte und systematische Aus- und Weiterbildung in der Intensivpflege. Mit Erfolg, denn Intensiv-Pflegefachpersonen müssen sich seither über ein Nachdiplomstudium für die anspruchsvolle Arbeit qualifizieren. Fritz Roth war, so betonte er stets selber recht bescheiden, nicht der einzige Pionier auf dem Gebiet der Intensivmedizin, welche sich fast zeitgleich in verschiedenen Schweizer Kliniken etablierte. Seine wegweisenden Initiativen jedoch beschrieb Roth in detaillierten Videoaufzeichnungen während mehrstündigen Interviews, die er mir 2013 gewährte. Diese Zeitdokumente über medizinische Krisenzeiten und deren Bewältigung seit den 1950er Jahren zeigen auch eindrücklich die seither gemachten Fortschritte in Wissenschaft, Medizin und Pflege. Trotzdem werden auch in der aktuellen Situation wieder neue Denkansätze und wohl auch aussergewöhnliche Pioniertaten gebraucht. Darauf wollen wir vertrauen und sagen herzlichen Dank den aktuell oft in den Medien genannten medizinischen Pionieren – und vor allem den meist ungenannt bleibenden Pionierinnen der Intensivpflege.

Prof. Dr. med. Friedrich Fritz Roth (1931-2018)

FriedrichRot PionierIntensivmedizin2013 wurde das Wirken von Fritz Roth in einem Oral History Projekts des Instituts für Medizingeschichte der Universität Bern und der Inselspital-Stiftung festgehalten. 2017 gab mir Fritz Roth für die PraxisDepesche 2-2017 des medEdition Verlags ein retrospektives Interview zur Geschichte der Intensivbehandlung, insbesondere nach Herzoperationen.

Über ein weitgereistes Beatmungsgerät Marke Eigenbau aus der Ära Roth schrieb ich 2012 im Inselmagazin.

Ein Artikel zum erwähnten Pressluftlieferanten erschien 2013 ebenfalls im Inselmagazin.

Ein Nachruf auf den Pionier Fritz Roth ist in der Schweizerischen Ärztezeitung zu lesen.

 

Die Autorin Tanya Karrer ist freischaffende Historikerin und Journalistin für Geschichten insbesondere aus dem Gesundheitswesen. Mit ihrer Firma constoria.ch realisiert sie zudem Jubiläen, Ausstellungen, Corporate Books und Archivierungen.

 

Möchten Sie die neuesten constoria-Stories rund um Jubiläum und Geschichte(n) direkt ins Postfach erhalten? Hier können Sie den Newsletter abonnieren: 

 

 Abmeldungen vom Newsletter sind immer via unsubscribe-Link im Newsletter möglich. Die Daten werden nicht an Dritte weitergebeben.

< Buch Feuer und Flamme für eine Gesellschaft ohne Gewalt  |  Pappstuhl selber machen in 4 Schritten