Redewendungen und ihre Geschichten. Von Tanya Karrer, im Mai 2019

Nr. 3: Das geht an die Nieren

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Wenn jemandem etwas an die Nieren geht, so beschäftigt dieses Etwas die Person sehr. Es schlägt ihr aufs Gemüt (auch dies wohl nicht ganz wörtlich zu verstehen).
Gemäss der Gesellschaft für deutsche Sprache reicht der Spruch ins Mittelalter zurück, als die Niere als Sitz der Lebenskraft galt. In meiner Auseinandersetzung mit Medizingeschichte ist mir diese Bedeutung der Niere bisher noch nicht begegnet. Jedoch gilt die Harnschau als wichtige, wenn nicht gar wichtigste, ärztliche Diagnostikmethode jener Zeit. Der Harn wurde als durch die Niere gefilterte Ausscheidung des Blutes verstanden.

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Anhand der Beschaffenheit des Urins konnten Ärzte nicht nur Aussagen über mögliche Krankheiten machen, sondern den Patienten auch Charaktereigenschaften zuordnen. Dies entsprach wiederum der damals vorherrschenden Vier-Säftelehre, der Humoralpathologie. Ein Gleichgewicht von Blut, gelber Galle, schwarzer Galle und Schleim im Körper war massgebend für die Gesundheit.
Vor diesem Hintergrund wird die Redewendung "Das geht an die Nieren" nachvollziehbar. Einerseits zeigte sich das Gemüt eines Menschen im Verhältnis der vier Körpersäfte, somit auch im Blut und in seinem Nierenfiltrat, dem Harn. Andererseits beeinflussten auch Ernährung, Krankheiten und Umwelteinflüsse wie Stress die Körpersäfte und damit schliesslich auch den Harn. Die Nieren bekamen sozusagen alles mit, mussten alles filtern. Es ging den Nieren tatsächlich manchmal an die Nieren.