Für Sie gelesen. Von Tanya Karrer,
im Januar 2019.

Stilistik für Journalisten.

StilistikFuerJournalisten
Josef Kurz et al. Wiesbaden: VS Verlag, 2010

Zu gewissen Dingen im Leben kommt man wie die Jungfrau zum Kind. Bei mir war dies 2010 das Schreiben von Artikeln. In einem Mitarbeitermagazin sollte ich historische Anekdoten der Firma zum Besten geben. Die Geschichten waren alle da, doch wie und in welcher Form waren sie zu Papier zu bringen? Wie schreibt man einen Artikel? Welche journalistischen Genres gibt es? Wie sind verständliche Sätze zu formulieren? Wie sieht der Textaufbau aus?

Glücklicherweise gibt es fast für jede Lebenslage Ratgeber und Fachbücher. Viele gute, wenn auch manchmal für den Schnellgebrauch etwas ausufernd erläuterte Antworten, liefert das 369 Seiten starke Buch Stilistik für Journalisten, das von Josef Kurz, Daniel Müller, Joachim Pötschke, Horst Pöttker und Martin Gehr im Jahr 2000 verfasst und 2010 erweitert und neu aufgelegt wurde.

Dank der übersichtlichen Gliederung dient das Buch als Nachschlagewerk für eine rasche Anwendung in der Schreibe. Die ersten und letzten Kapitel zur Aufgabe von Journalisten und zu den ethischen und politischen Aspekten des journalistischen Sprachgebrauchs rahmen den anwendungsorientierten Inhalt ein und setzen ihn in einen grösseren Kontext.

In Kapitel 4 geht es richtig los. Es handelt von der Satzgestaltung. Journalistische Texte umfassen im Durchschnitt 23 Wörter, wissenschaftliche Texte 28 und umgangssprachliche 13 bis 16. Schon mal gut zu wissen. Und die Betonung liegt oft auf dem letzten Wort eines Satzes.

Das darauffolgende Kapitel steht unter dem Titel "Der Text". Hier geht es um Sprachstile, Perspektiven und den Aufbau von Texten. Als besonders hilfreich empfand ich die verschiedenen Vorschläge zu möglichen Textabschlüssen. Schon stundenlang hatte ich am letzten Satz gefeilt. Für ein "Happy End" eignen sich ein Sinnspruch, eine Formulierung, die zum Weiterdenken anregt, ein prägnant resümierender Satz oder - mein Favorit - ein gedanklicher oder sprachlicher Bezug zum Anfang.
Auch die Ausführungen zur Gedankenfolge in einem Text sind lesenswert. Josef Kurz unterscheidet die chronische Folge, diejenige nach der Wichtigkeit, die synchron beschreibende, die darlegende oder die assoziative Gedankenfolge. Mit Sach- oder Bildvergleichen lässt sich der Text anschaulich gestalten. Auch hierzu erhalten die Leserinnen und Leser viele wertvolle Ideen, die illustriert sind mit gelungenen und weniger gelungenen Beispielen aus der Presse.

Was mich konkret zu diesem Buch greifen liess, war Kapitel 7: Die journalistischen Genres. Hier erläutern die Autoren eingehend die Eigenschaften einer Nachricht, eines Berichts, einer Reportage, des Porträts, des Interviews, des Kommentars, der satirischen Glosse und des populärwissenschaftlichen Darstellens. Der vorliegende Text ist wohl einer Rezension zuzuordnen, einem weiteren Genre.

Das letzte eingehend gelesene Kapitel widmet sich der Überschrift. Die Titel, meist am Schluss der Schreibarbeit gesetzt, entwickeln sich oft zum "Pièce de resistance". Aussagekräftig sollen sie sein, "catchy", also Aufmerksamkeit erregend, kurz und prägnant und trotzdem inhaltlich und sprachlich korrekt. Eine Wissenschaft für sich, wie auch Stilistik für Journalisten bestätigt. Es gibt Aussagen-, Rede- oder Thementitel. Sie können vollständige Sätze oder nur Nebensätze sein, aus mehreren Sätzen bestehen, Fragen stellen oder ausrufen. Bestimmte und unbestimmte Artikel dürfen weggelassen werden, ebenso bestimmte Verbformen. Auch der Rhythmus spielt eine Rolle: Am besten formulieren Sie Ihre Überschrift als Jambus, Trochäus, Daktylus oder als Alliteration (einfach googlen). Dies wird als besonders attraktiv wahrgenommen. "Stilistik für Journalisten" ist übrigens ein Thementitel, und ich bin froh, kann ich ihn für diesen Beitrag einfach übernehmen.

Stilistik für Journalisten war ein steiler Einstieg ins journalistische Schreiben. Das Werk ist sehr wissenschaftlich verfasst und gespickt mit Fach- und Fremdwörtern, die meist als bekannt vorausgesetzt werden. Trotzdem oder genau deswegen war der Erkenntnisgewinn enorm. Das Buch bleibt auch nach bald zehn Jahren ein treuer Begleiter in meinem Alltag als Schreiberin. Für meine Kundinnen und Kunden bin ich schliesslich stets besorgt um das beste und letzte Wort.