Ein strahlend schöner Teint

Kosmetiklinien werben oft mit einem „strahlend schönen Teint“ für ihre Produkte. Vor rund hundert Jahren strahlte der Teint auch dank des Radiums, das in Gesichtscrèmes verwendet wurde. Tanya Karrer, 25.3.2016

In der französischen Modezeitschrift „Le Petit Echo de la Mode“ vom 11. September 1921, die zu jener Zeit eine wöchentliche Auflage von über 300‘000 Exemplaren hatte und sich an die modebewusste Frau richtete, springt auf der zweitletzten Seite eine Annonce ins Auge.
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Sie wirbt für die „Crème radiacée Ramey“, also eine mit Radium versetzte Hautcrème, die das Gesicht samtig erscheinen lasse, es mit einem feinen Duft umgebe, die Falten zum Verschwinden bringe, die gegen das Welken der Haut, Flecken und Akne wirke.

Heute, knapp hundert Jahre später, schaudert man bei der Vorstellung, sich radioaktive Crème ins Gesicht zu reiben. Wir wissen um die schädliche Wirkung des Radiums, wurde sie uns doch gerade letztes Jahr wieder in Erinnerung gerufen, als man in den Räumen ehemaliger Bieler Uhrenateliers erhöhte radioaktive Strahlung mass. Bis in die 1950er Jahre bemalten dort HeimarbeiterInnen Uhrzeiger mit mit Radium versetzter Leuchtfarbe.

Marie und Pierre Curie entdeckten das im Dunkeln leuchtende Mineral 1898 und nannten es wegen seiner Eigenschaft zu strahlen Radium.

Die Industrie machte sich das neuartige Material schon bald zu Nutze und setzte es Schönheits- und Heilmitteln zu. Allerdings war richtiges Radium schwierig und teuer zu beschaffen, weshalb in Kosmetika und Heilanwendungen meist das 1900 entdeckte Element Radon verwendet wurde, wahrscheinlich zum Glück der Anwendenden, obschon auch Radon schädlich ist. Die Kosmetik-Laboratorien verkauften es trotzdem als Radium.

Die Medizin gab sich mit der Anwendung des Radiums eher zögerlich. Das Röntgen und die Strahlentherapie fanden zwar bald Einsatz in Diagnostik und Therapie. Die mühsame und teure Beschaffung von Radium machte seinen Gebrauch aber selten und wenn, dann kostspielig.
Der Berner Dermatologe Jadassohn beantragte der Inselspital-Leitung 1913 die Anschaffung von Radium. Da der Antrag aber abgelehnt wurde (Begründung: die anderen grösseren Spitäler der Schweiz hätten auch kein Radium angekauft), stellte er auf eigene Kosten Präparate her.
Erst ab Mitte der 1920er Jahre nahmen die neu gegründeten Radium-Stiftungen sich in der Schweiz dem Ankauf des Minerals und der Erforschung der Radiumtherapie und Radiologie an.

Immer mehr Studien bestätigten um 1930 die Schädlichkeit von radioaktiver Strahlung von Substanzen wie Radium. Die Folgen einer übermässigen Strahlenexposition waren Blutarmut, Knochenbrüche, Nekrosen und Krebs. 1955 wurden dann vom Bundesamt für Gesundheit BAG Richtlinien zum Schutz vor ionisierender Strahlung herausgegeben (die Deutsche Gesellschaft für Radiologie erstellte bereits 1913 ein Merkblatt dafür), seit 1959 ist der Strahlenschutz in der Schweiz gesetzlich verankert.

Es bleibt die Frage, warum um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert das Radium so rasche Verbreitung auf dem Markt und auch entsprechenden Absatz fand, obwohl es auch für damalige Verhältnisse noch wenig erforscht war.
Die Euphorie, der Technik- und Fortschrittsglaube jener Zeit der Industrialisierung, die Reformbewegungen und auch die Weltkriege dürften dazu beigetragen haben. Aber auch die Neuheit und Exklusivität des raren Elements waren auf dem Schönheits- und Luxusmarkt ein gutes Verkaufsargument.
Und: ein strahlendes Element musste doch zu einem strahlenden Teint führen! 

Der strahlende Teint bleibt auch heute das Versprechen der Schönheitsindustrie, jedoch bringen nun andere Substanzen die Haut zum Leuchten.

Quellen und weiterführende Literatur:

  • Le Petit Echo de la Mode, Jahrgang 43, No. 37 vom 11. September 2021
  • Rennefahrt, Hermann und Erich Hintzsche 1954: 600 Jahre Inselspital Bern. Bern: Hans Huber Verlag.
  • Domman, Monika 2003: Durchsicht, Einsicht, Vorsicht: Eine Geschichte der Röntgenstrahlen 1896 - 1963. Zürich. PDF hier.
  • Müller-Schaerer Eduard 1989: Ein Beitrag zur Geschichte des Strahlenschutzes in der Schweiz. PDF hier.